{"id":45,"date":"2006-09-08T03:30:48","date_gmt":"2006-09-08T01:30:48","guid":{"rendered":"http:\/\/lix.cc\/projects\/malawi\/malawi04\/interview-en\/"},"modified":"2011-07-21T01:23:54","modified_gmt":"2011-07-21T01:23:54","slug":"interview","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/malawi.lix.cc\/de\/malawi2004\/interview\/","title":{"rendered":"Interview"},"content":{"rendered":"<p><strong>Exterminate All the Brutes<\/strong><\/p>\n<p style=\"margin-top: 0.3cm; margin-bottom: 0.3cm;\">Projekt von Alex Antener<sup>[0]<\/sup> vorgestellt von Ramon Cahenzli<sup>[1]<\/sup><\/p>\n<p style=\"margin-top: 0.3cm; margin-bottom: 0.3cm;\"><em>Freie Software: Eine Chance f\u00fcr Afrika?<\/em><\/p>\n<p style=\"margin-top: 0.3cm; margin-bottom: 0.3cm; font-style: normal;\">&#8222;Afrika, oh, Afrika! Der Herrgott muss wirklich in miserabler Verfassunggewesen sein, als er diesen Kontinent schuf. Warum sonst h\u00e4tte er ihnmit Menschen bev\u00f6lkert, die vom ersten Tag an dazu verdammt waren, durchdie V\u00f6lker eines anderen Kontinents verdr\u00e4ngt zu werden? W\u00e4re es dannnicht besser gewesen, die Nigger gleich weiss zu machen, so dass darausmit etwas Gl\u00fcck ordentliche Engl\u00e4nder h\u00e4tten werden k\u00f6nnen, anstattdiesen das Problem der Ausrottung aufzuhalsen? Nigger haben keineWaffen, also auch keine Rechte. Ihr Land geh\u00f6rt uns.&#8220;<\/p>\n<p style=\"margin-top: 0.3cm; margin-bottom: 0.3cm; font-style: normal;\">Dieses Zitat von R.B. Cunninghame Graham, einem Freund von JosephConrad, beschreibt die Haltung der kolonialistischen Gesellschaften ineiner ungeschminkten Ironie. Wie sich diese Haltung sogar heute alsneo-imperialistische Form bewahrheitet hat, bringt der SNM-Student AlexAntener, anl\u00e4sslich seiner Reise ins &#8222;Herz der Finsternis&#8220; oder genauernach Malawi, in Erfahrung und hier zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Malawi ist eine kleine, ehemals britische Kolonie, die am drittgr\u00f6ssten See Afrikas liegt, dem &#8222;Lake Malawi&#8220;. Das Land ist eingebettet zwischenMo\u00e7ambique, Sambia und Tansania. Seit David Livingstone hier vorbeigekommen war, lebt die Bev\u00f6lkerung vom Tabak- und Teehandel, den dieWeissen im Lande kontrollieren. Agrikultur ist aber nicht das einzigeObjekt der Begierde f\u00fcr die Abgesandten und Angeheurten der westlichenGrosskonzerne. \u00dcberall wird vom Digital Divide geschrieben. Afrika hinkeden Europ\u00e4ern und Amerikanern um Jahre hinterher, was die Informatikangehe. Die F\u00f6rderung, die Afrika von uns Industriel\u00e4ndern erh\u00e4lt, istaber nicht ganz uneigenn\u00fctzig. Konzerne wie Microsoft, HP und Dellverf\u00fchren, die im Entstehen begriffenen Bildungsstrukturen, lockenMenschen und sp\u00e4ter Firmen, in ihre niemals endenden Kreisl\u00e4ufe derSystem-Upgrades und Reinvestitionen. Dies zeigt auch das Beispiel derICT Trade Fair in Blantyre, gr\u00f6sste Stadt Malawis, wo westliche Firmender Informatik- Branche, Kunden f\u00fcr die Zukunft aquirieren.<\/p>\n<p>Es kann ja nicht sinnvoll sein, Menschen, die sich gerade knapp dast\u00e4gliche Essen leisten k\u00f6nnen, unsere westlichen Preisstrukturenaufzuzwingen. Genau dies wird aber von den genannten Konzernen getan,zum Beispiel bei Hardware und Software. Zu Beginn wird sie Schulen und Universit\u00e4ten in Afrika kostenlos zur Verf\u00fcgung gestellt. Wenn es aberdann eine neue Version gibt, kostet die Aufr\u00fcstung pl\u00f6tzlich Geld. Upgrades sind unausweichlich. So sind sie auch Teil des Vertragszwischen Microsoft und SchoolNet Malawi. Als Microsoft mit der Forderungnach Geld und Upgrades f\u00fcr die &#8222;gespendeten&#8220; Windows-PCs an SchoolNet herantrat, realisierte die Organisation, in welche Abh\u00e4ngigkeit sieman\u00f6riert worden war.<\/p>\n<p>Dass neben dieser h\u00f6chst kommerziellen Software auch offene, oftkostenlose und vor allem unabh\u00e4ngige Programme und Betriebssysteme, wieLinux und OpenOffice existieren, weiss in Malawi kaum jemand. Bedingungf\u00fcr den Zugang zu dieser Information ist ein ungehinderterInformationsfluss, und dazu geh\u00f6rt auch eine erschwingliche Anbindungans Internet. Die hoffnungslos \u00fcberholte 64-Kilobit-Leitung der&#8220;University of Malawi: The Polytechnic&#8220; ist weder angemessen nocherschwinglich. Trotzdem geh\u00f6rt die Universit\u00e4t damit schon zu denprivilegierten Schulen.<\/p>\n<p>RC: Alex, wie bist du auf die Idee gekommen, bei der University of Malawi: The Polytechnic anzuklopfen?<\/p>\n<p>AA: Ich suchte nach Orten, wo ich mein Wissen an Dritte weitergeben kann. So machte mich Bessie Nyirenda, Leiterin von SchoolNet Malawi, mitLeuten bekannt, die mir beim Erreichen eines meiner Ziele helfenkonnten: N\u00e4mlich meine Kenntnisse nicht nur einer kleinen Gruppezug\u00e4nglich zu machen, sondern eine m\u00f6glichst grosse Anzahl Menschen zuerreichen und nachhaltig zu f\u00f6rdern. Auch Barbara Berger vom ITZ der HGKZ half mit ihrer Spende von f\u00fcnf Laptops, welche in den Besitz derPolytechnic \u00fcbergingen.<\/p>\n<p>RC: Wie sah denn die bestehende Technik aus? Wie waren die Zust\u00e4nde alsdu ankamst?<\/p>\n<p>AA: Die Infrastruktur der Uni war vollkommen unzureichend. Mehr als 500Studierende teilten sich diese unglaublich langsame Internet-Verbindung.Neben den Servern hauste Ungeziefer, und die R\u00e4ume waren kaum richtigverkabelt, so dass das Uni-Netzwerk nur teilweise genutzt werden konnte.Mit W\u00fcrmern infizierte Windows-Rechner in den Sekretariaten gaben derInternet-Anbindung den Rest und frassen auch noch das letzte St\u00fcckverf\u00fcgbarer Bandbreite.<\/p>\n<p>RC: Und was konntest du dagegen tun?<\/p>\n<p>AA: Ich bot der Uni an, die Infrastruktur auszubauen, Netzwerkdienstezuverl\u00e4ssig zur Verf\u00fcgung zu stellen und sp\u00e4ter auch Technikerauszubilden, die die ganze Anlage warten k\u00f6nnen. Im Gegenzug offeriertemir die Uni einen Arbeitsvertrag als Gastdozent. Gerne nahm ich dasAngebot an, wollte f\u00fcr meine Arbeit aber kein Geld. Stattdessen \u00fcbernahmThe Polytechnic meine Kost und Logis in einem ihrer eigenenDozentenquartiere.<\/p>\n<p>RC: Was waren deine ersten Schritte, um die Situation zu verbessern?<\/p>\n<p>AA: Erstmal gab es im Softwarebereich viel zu tun: Das bisher auf einemder Server verwendete Red Hat Linux 8.0 war zu diesem Zeitpunkt schonveraltet und ausserordentlich schlecht und unvollst\u00e4ndig konfiguriert.Ich ersetzte es durch ein aktuelles Fedora Core 2 (ebenfalls eineLinux-Distribution) und sorgte daf\u00fcr, dass alle Dienste zuverl\u00e4ssigerreichbar sind. Parallel dazu bauten wir das Netzwerk so aus, dass anallen n\u00f6tigen Orten eine Netzwerkverbindung zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>RC: Wenn wir schon bei Linux sind, wie stark ist die Verbreitung vonLinux und anderer freier Software in Malawi? Man kann sich ja denken,dass sich freie Software sehr gut f\u00fcr die aufkeimende IT-Welt Afrikaseignet, und nicht nur weil sie meist kostenlos ist.<\/p>\n<p>AA: Das stimmt. Doch leider ist das Knowhow in diesem Bereich ungerechtverteilt. Der durchschnittliche Afrikaner weiss nichts von der Existenzdieser Software, und diejenigen, die sie einzusetzen wissen, sitzenmeist in grossen ausl\u00e4ndischen Betrieben und haben in westlichen L\u00e4ndernstudiert. Das f\u00f6rdert den Digital Divide noch mehr. Was es braucht istlokales Wissen. Was ist freie Software? Wieso ist sie wichtig f\u00fcrAfrika? Wie bedient man die typischen Programme und Werkzeuge? Ausdiesem Grunde erstellte ich an der Polytechnic den ersten zentral-afrikanischen Linux-Mirror. Ein Mirror besteht aus lokalen Kopien vonSoftware und anderen Dateien, die dann \u00fcber das schnelle Schulnetzwerkverteilt werden k\u00f6nnen &#8212; ideal f\u00fcr eine so langsame Internetverbindung,wie an diesem College. Dieses System beschleunigte die Installation derSoftware auf den PCs der Studierenden enorm. Daneben traf ich auchandere Vorkehrungen, damit die Langsamkeit der Anbindung weniger insGewicht f\u00e4llt (Proxy-Server usw.).<\/p>\n<p>RC: Die Software allein ist aber nur die H\u00e4lfte der Gleichung. Duerw\u00e4hntest schon das ungleich verteilte Knowhow. Was f\u00fcr einenWissensstand hast du vorgefunden, und wie konntest du das neue Wissen umdie freie Software einbringen?<\/p>\n<p>AA: In meinen Augen war die Ausgangslage katastrophal. DieAusbildungsprogramme kamen haupts\u00e4chlich von Microsoft, HP und Cisco,die der Schule nat\u00fcrlich ihre eigenen Produkte aufzwingen und keineobjektive Sichtweise auf die Softwarekultur zulassen. Diese Objektivit\u00e4tist aber unabdingbar f\u00fcr eine umfassende informatische Ausbildung. Aufdem Linux-Mirror findet sich neben der eigentlichen Software auch einel\u00fcckenlose, kostenlose Dokumentation dazu. etwas wof\u00fcr die genanntenFirmen gerne Geld verlangen. Diese Information ist enorm wertvoll underm\u00f6glicht es allen Beteiligten, sich auch nach meiner Abreise nochproblemlos zurechtzufinden und ihr Wissen zu erweitern.<\/p>\n<p>Ein Jahr nach meiner R\u00fcckkehr ist es interessant zu sehen, wie die Leute langsam lernen, mit dieser Information umzugehen. Erste R\u00fcckmeldungen best\u00e4tigen den bisherigen Erfolg. Ich freue mich, wenn ich E-Mail aus Afrika mit Fragen zu den eingesetzten Systemen erhalte, denn das zeigt mir, dass die aufgebaute Infrastruktur rege benutzt wird. Gerade deshalb zieht es mich auch wieder nach Malawi, um das Begonnene weiterzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>[0] Alex Antener<br \/>\nStudent im Diplomsemester des SNM. GNU\/Linux Systemadministrator und Gast-Dozent an der University of Malawi The Polytechnic.<br \/>\nhttp:\/\/lix.cc\/malawi<\/p>\n<p>[1] Ramon Cahenzli<br \/>\nGNU\/Linux GNU\/Linux Systemadministrator am SNM. Mitglied der Free SoftwareFoundation Europe.<br \/>\nhttp:\/\/psy-q.ch<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exterminate All the Brutes Projekt von Alex Antener[0] vorgestellt von Ramon Cahenzli[1] Freie Software: Eine Chance f\u00fcr Afrika? &#8222;Afrika, oh, Afrika! Der Herrgott muss wirklich in miserabler Verfassunggewesen sein, als er diesen Kontinent schuf. 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